„Alles ist dynamisch“ – diese Worte schenkte mir man mir, als das echte Leben gerade erst begann. Damals begriff ich zum Einen nicht, was wirklich gemeint war und zum Anderen hat mich, dass was ich darin sah, zutiefst erschreckt.
Wie eine Klette im Hundefell hing ich an der Vorstellung, alles habe in geregelten Bahnen zu verlaufen und sich an meine Pläne zu halten. Mein Sicherheitsbedürfnis war so unendlich groß, dass alles in den Rahmen einer für mich erträglichen Vorstellung gepresst werden musste. Die Idee von omnipräsenter Dynamik fügte sich diesem Umgang nicht und wurde nach Kräften von mir negiert.
„Alles ist dynamisch“ wurde mir mit auf einen Weg gegeben, den ich ohne diesen Satz vermutlich nie beschritten hätte und den aufzunehmen sowieso kein Rahmen dieser Welt mehr fähig gewesen wäre – was ich aber erst ganz zum Schluss merkte.
Früh – vielleicht zu früh – begegnete ich jemandem, der mir den Zugang zu mir zeigte, der mir ein großes Stück Leben und meine erste Vergangenheit gab. Mit dem ich gemeinsam wuchs und erwachsen wurde. Diese Begegnung machte mich frei und lebendig.
Sie machte mich aber auch für eine lange Zeit zur Kopfgefangenen der so entstandenen Verbindung. Kopfgefangene deshalb, weil wir nach außen hin die große Freiheit waren und nach innen hin in völliger Abhängigkeit lebten. So paradox das auch klingen mag: Wir lebten uns aus – jeder für sich, wir miteinander. Dinge, die wir uns vorstellen konnten, bekamen auch einen Platz. Die Freiheit nach Außen war also genauso wenig Fassade, wie die Abhängigkeit nach Innen eingebildet war.
Wir waren so jung und diese Verbindung sofort so tief, so ernst und so fraglos, dass sie all mein Misstrauen nahezu augenblicklich in tiefe Hingabe verwandelte und mit einem Mal alles war, was ich wollte, alles wo für es sich zu Leben lohnte. Dass eine solche Hingabe verletzlich und sehr angreifbar macht, merkte ich erst, als ich der Tatsache gewahr wurde, dass ich ohne diesen Draht plötzlich völlig haltlos war.
In der Folge wurde jede Disharmonie, jede Spannung sofort zur Zerreißprobe für mein Herz und meine Seele. Es war keine Eifersucht, es war kein verletzter Stolz, kein verkannter Wille. Es ging um das Wohl des Anderen, um die Luft, die ich atmete. Ich zog allen Ärger, alle Aggression und Depression auf mich, denn meine Reaktion war dosier- und steuerbar, wohin gegen all der Frust, einmal in die weite Welt hinaus gelassen, vielleicht in einer unkontrollierbaren Rückhand geendet hätte. Und davor galt es den Anderen – und damit mich – zu schützen.
Ich bot mich ohne Zwang und Vorbehalte zur beinahe vollständigen Unterwerfung an – und der Same meines Angebots fiel auf verdammt fruchtbaren Boden.
Nichts war dynamisch – alles hing von einander ab, das eingegangene Machtverhältnis war unser Stabilitätspakt, es passte nichts dazwischen. Der so geschaffene Rahmen schien die ideale Basis zu sein. Er war scheinbar weit genug um sich zu bewegen und eng genug, um eine Herausfallen zu verhindern. Aber eins war er nicht – er war nicht für die allgegenwärtige Dynamik des Lebens gemacht.
„Alles ist dynamisch“ – als mich dieser Satz erreichte und seine Wahrheit zu mir durch zu sickern begann, quetsche sich mein Leben bereits – zäh zwar, aber beharrlich - an allen Ecken und Enden aus dem Rahmen heraus. Die Worte dröhnten so laut in meinen Ohren, dass ich mich selbst nicht mehr verstand. Ich ahnte wohl, dass ich versucht war alles zusammen zu halten, aber hören konnte meine Seele die Worte meines Kopfes schon lange nicht mehr.
Jemand Fremdes hatte nach meinem Innersten gegriffen und es – dem Stabilitätspakt zum Trotz – berührt. Damit war der Beweis offenbart, dass der Rahmen, unser Pakt, all die damit verbundenen Entbehrungen und bereitwillig erduldeten Einschränkungen eben nicht dafür garantieren konnten, dass alles immer im Rahmen blieb. Der Beweis dafür, dass meine Liebe, mein Herz und mein Verlangen eigenständig waren, unabhängig von dieser Verbindung in mir existierten und sich damit potentiell auch jeder Kontrolle durch selbige entzogen.
Das durfte nicht sein und das Leben war so entgegenkommend zäh, dass ich die Sprengung des Rahmens mit viel Mühen, Schweiß und Blut eine Zeit lang aufhalten konnte. Ich modifizierte nach Kräften die Rahmenparameter, lenkte ein, deutete um und alles immer nur mit dem einen Ziel, dass er das hervorquellende Leben immer wieder aufs Neue zu umfassen fähig war. Aber zugleich wusste ich tief in mir, dass seine Tage gezählt waren. Ich sah, dass jeder Tag Kampf insgeheim nur dazu diente, am Ende nicht tatenlos zu gesehen zu haben.
„Alles ist dynamisch“. Mit einem Satz, einer Erkenntnis, wurde mein bis dahin fest umfasstes Leben in den unerbittlichen Strudel der Dynamik gerissen. In völliger Abhängigkeit und großer Unterwerfung zu leben ist das eine. In dem Bewusstsein dies zu tun, weiter zu leben, etwas ganz anderes. Und die Dynamik um mich herum führte mir das brutal vor Augen. Ich war lange hin- und hergerissen zwischen völlig überdrehter Dynamik im Außenverhältnis und krampfhafter Starre im Innenverhältnis. Beflügelt von den Dingen, die um mich herum wirbelten, entwickelte ich Gedanken, Erwartungen und Pläne, die alle samt eines gemein hatten: ihre Tragweite vermochte nicht zu mir durch zu dringen.
Ich sah nicht, konnte oder wollte nicht sehen, dass sie in ihrer Gesamtheit alle auf ein „Leben danach“ abzielten. Nur langsam und widerstrebend begann ich, das zu realisieren und mich zeitgleich der überaus schmerzlichen Erkenntnis gegenüber zu sehen, dass ein „Leben danach“ wohl nur eine Chance bekäme, wenn ich bereit war, dass alte Leben ziehen zu lassen.
Die Dynamik griff von Außen nach Innen durch. Zahllose Veränderungen in meinem äußern Umfeld ermöglichten einerseits die Veränderungen in mir, andererseits ließen sie eben diese zur Unausweichlichkeit werden..
„Alles ist dynamisch“ – als auch mein Gegenüber das erfuhr und spürte, dass auch sein Innerstes nicht unantastbar ist, begann zu entgleiten, was so lange Zeit den einzigen, absoluten Halt gewährleistete, den Rahmen absteckte.
Die Tiefe und Unabdingbarkeit unserer Verbindung leistete ausgerechnet in diesem Moment, so viel mehr als jemals von ihr erwartet – in ihrer Bedingungslosigkeit wurde sie zu einem Garant für Offenheit und Ehrlichkeit. Auf den sprichwörtlich letzten Metern ermöglichte die beiderseitige Anerkenntnis der Abhängigkeit, des gemeinsam beschrittenen Weges und des eigentlich gerade erst beginnenden Lebens, das was bis dahin unmöglich schien: Die Bereitschaft einander loszulassen. Loszulassen, um weiter miteinander den einst beschrittenen Weg zu gehen – jeder in seiner eigenen Spur.
Dieser Moment, in dem sich wider aller Erwarten großes Explosionspotential in Stärke und gemeinsamen Willen, das wirklich Beste draus zu machen, wandelte, ließ das Misstrauen in unserem Umfeld wachsen. Es scheint schlechterdings nicht zu akzeptieren zu sein, wenn auf breiter Front gegen gesellschaftliche Konventionen und Erwartungshaltungen verstoßen wird.
Entgegen der so oft geäußerten Ansicht kämpfte ich. Ich kämpfte wie noch nie zuvor in meinem Leben. Um mich selbst, mein Leben und um einen passierbaren Weg . Ich habe darum gekämpft, mich frei machen zu können und mich von der Enge dieser Verbindung lösen zu dürfen – nur halt eben nicht um den Erhalt derselben.
Ich lebte lange in der ehrlichen Überzeugung, dass ein Lösen dieser Verbindung zwangsläufig mit dem Tod einhergeht. Heute weiß ich , dass das nicht nur falsch war. Aber es ist nur die Verbindung gestorben, die Menschen in ihr haben eine neue Chance, ein zweites Leben bekommen.
Diese Verbindung leistete einen entscheidenden Beitrag dazu, mich zu der zu machen, die ich heute gern und voller Überzeugung bin. Ich durfte unzählige wertvolle Momente mitnehmen und bis heute zehre ich von ihnen.
„Alles ist dynamisch“ – deswegen war es die Liebe in dieser Verbindung, die den Rahmen schuf, ihn sprengte und die Zeit überdauerte. Anders als von Außen erwartet und vielleicht auch gewollt, überlebte sie die Verbindung, aus der sie resultierte. Sie hat sich weiter entwickelt und ist verrutscht. Verrutscht an einen anderen Platz in meinem Herz, an einen Platz, an dem sie Raum und Mut für Neues machte.
Einen Raum, den ich heute – voller Lebenslust und freudiger Erwartungen an die Zukunft und an das Leben - zu füllen bereit bin.
Und nach dem Tod dieser Verbindung, am Ende von so viel Freude und Spaß, von so viel Schmerz und Abhängigkeit, von so viel Leben, am Anfang meiner ersten Vergangenheit und an dem Punkt, an dem Ende und Anfang sich treffen, an genau diesem Punkt bleibt mit nichts anderes, als mich von ganzem Herzen zu bedanken. Ich danke der Verbindung, der Liebe und insbesondere der Person, die das eine verkörperte und das andere noch ist und hoffentlich auch bleibt:
Ich danke dem besten Freund, den ich auf dieser Welt finden konnte.

