Hat es bis vor wenigen Wochen nur immer mal geschneit, ist es jetzt Winter. Es ist bitterkalt, stockfinster und durch und durch unwirtlich. Ich sitze im Auto – allein – und habe das Gefühl innerhalb der nächsten Stunden temperaturmäßig dazu in der Lage zu sein, die Titanic auf ein Neues zu Versenken. Das diese – bald unterbrochenen- Warterei im mittelgebirglichen Kühlhaus den Beginn eines neuen Lebensabschnitts markieren sollte, wird uns allen – wie so oft – erst viel später klar.
Unser InCom-Baby wächst und gedeiht und alles was bisher den Anschein hatte, aus einer Laune, die Sekt, Bier und Schnaps zum Ursprung hat, entstanden zu sein, bekommt auf einemal einen handfesten Durchgriff auf die Realität. Der fremdinduzierten Idee, mal auf Schloss in Schlossdorf zu gehen, haben wir wie von Geisterhand geführt, Folge geleistet:
Wieder ist es ein mächtiges Gebäude mit einer eindeutigen NS-Vergangenheit, in dem ein Prozess in Gang gesetzt wird, der mich ähnlich erregt und fasziniert wie der meines künftigen Studentenlebens. Alles schmeckt, riecht und atmet Aufbruch, Unabhängigkeit und Abenteuer.
Das erste Gespräch auf dem Schloss ist eine der Veranstaltungen, bei denen man sich hinter her noch viele, viele Male fragen wird, wie man sie eigentlich überstanden hat, sind sie doch eine wichtige Lektion zum Thema “Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit”.
Business-Termine haben bis dato in unsere Welt keine große Rolle gespielt und eigentlich auch keinen Platz gehabt. Und dann gleich so einer. Aber wir scheinen ein Eindruck zu hinterlassen. Wir sollen wieder kommen, unseren Subunternehmervertrag abzuholen und unser neues Büro anzuschauen. Man meldet sich bei uns.
Man meldet sich nicht bei uns.
Also melden wir uns eben – an einem bitterkalten, stockfinsteren Nachmittag im Winter.
Die zwei “Schäfchen”*, wie ich meine Mitstreiter (bis heute) nenne, steigen aus und werden von der finsteren Öffnung in den Mauern, die das Schloss umgeben, verschluckt. Ich bleibe allein im Auto zurück und verwandele mich im Verlauf der Stunden langsam, aber beharlich in einen Eisberg. Gerade als ich – mich auf meine neue Karriere als Eisberg vorbereitende - frage, ob nun das obere oder das untere Achtel in Zukunft herausragen soll, klopft es an die Scheibe der Fahrertür.
“Junge Frau, was machen Sie denn hier?” fragt mich eine quirlige Stimme, die in einer rührigen, kurzhaarigen Frau wohnt. “Ich warte auf die zwei jungen Herren, die vor gefühlten Stunden in diesem dunklen Schlund verschwunden sind” weiß der Eisberg menschlicher Herkunft zur Antwort.
Sorgenvolle Blicke, die schon zu Zeiten der Drachentöter nicht Gutes hätten verheißen können, treffen mich: “Oje…die beiden meinen Sie? Oje…Kommen Sie, ich bringe Sie rein, etwas besseres als den Tod finden Sie auch da drinnen.”
Wie in Trance folge ich ihr. Für einen kurzen Moment frage ich mich, ob ich auf wundersame Weise durch die Kälte in einen Zustand verfallen bin, in dem die Neuzeit mit der geschichtsträchtigen Märchenwelt einer alten Stauferburg zu einer weiteren Realität verschmilzt und ich in meinem eigenen History-Roman gefangen bin.
Dieser Gedanke kann sich aber nicht wirklich verankern, als die Tür eines der Seitenflügel aufschwingt und mich eben keine mittelalterlich gekleideten Hofgestade erwarten, sondern mir das kühle Licht und der robuste Industrieteppich eines Businesscenters entgegenschlagen. Am Ende einer Treppe, die sich knarrend nach oben windet und im krassen Gesatz zur sonstigen Atmosphäre steht, öffent sich ein Gang mit unzähligen Türen an jeder Seite. Eine dieser Türen wird von der rührigen Frau nun aufgestoßen und gibt augenblicklich die warme und gemütliche Atmosphäre eine Küche preis, in der sich angeregt unterhalten wird.
“Die junge Dame hier gehört auch dazu” sagt die rührige Frau, dreht sich um und entschwindet Türen schließend in dem schmalen Gang.
Ich stehe da, wie vom Blitz getroffen und durchlebe gespaltene Sekunden. Ich erlebe zum ersten Mal bewusst einen dieser großartigen Moment im Leben, in dem innerhalb kürzester Zeit maximal-komprimierte Eindrücke, Empfindungen und Erkenntnisse durch einen durchrauschen und alles und nichts hinterlassen. Alles, weil man weiß, gerade hat sich etwas verändert, es sind viele Hebel in Gang gesetzt worden. Nichts, weil man nicht einer dieser Empfindungen einen Namen geben oder sie auch nur im Ansatz deuten könnte.
Vier Augenpaare treffen mich. Zwei davon fühlen sich vertraut an – Schäfchen. Zwei fühlen sich fremd an, sie taxieren und durchdringen mich – Konrad und Udo.
Konrad ist eben jener steife und verkleidet wirkende Mann, der sich uns im ersten Gespräch mit Herr L. vorstellte. Nie davor und nie danach ist mir Herr L. wieder begegnet. Von hier an gibt es nur noch Konrad – seltsam genug, wie sich herausstellen wird.
Udo wirkt wie ein Nachkomme Sartres, hat Hände groß wie Bratpfannen und macht einen aufgeräumten Eindruck, den er mit expliziter Wortwahl zu unterstreichen vermag. Diese Wortwahl ist es, die sich mir umgehend ins Hirn frisst.
Das erste Betasten des Menschlichen ist vorrüber und in Windeseile scanne ich den Raum ab: Eine Küche? Eine Vertragsverhandlung in einer Küche? Ein Vertrag liegt offensichtlich auf dem Tisch, aber thematisch hat man sich schon meilenweit weg bewegt.
Als ich das Wort “Weltherrschaft” und die damit verbundene Diskussion darüber, wie eine angemessene Gesatltung der Website www.weltenlenker.de auszusehen hätte wahrnehme, wird mir alles klar:
Wir ziehen mit Sack und Pack ins Businesscenter Schloss Schlossdorf und das am Besten gestern…
* Schäfchen
Schäfchen A und Schäfchen M sind von Anbeginn meines Erwachsenenlebens ein fester Bestandteil des selben und werden es auch hoffentlich immer bleiben. Sie sind meine Mitstreiter und Quelle all meier unternehmerischer Überlegungen.