Sack und Pack stehen im Eisregen vor der Tür der Vergangenheit und vor der Tür der Zukunft, im und ums Auto sind sie sowieso überall verteilt. Nach längerem Hin- und Her und deutlicher, aber planvoller Überziehung des Umzugsbudget, nimmt der neue Abschnitt Formen an. Verheißungsvoll prangt nun überall: InCom, Schloß Schloßdorf. Nur noch in wenigen kurzen Momenten des in sich Hineinlauschens, meint man gerade zu erschreckend schrill vernehmen zu können, dass das ganz schön steil ist – vom Keller ins Schloß. Aber hei, so geht’s nun mal…
Die Tische und Regale füllen sich, so auch die Köpfe und Geister. Auf einmal kann man ganz andere Dinge sehen und fühlen und vielleicht auch erhoffen. Die Stimmung ist getragen von einem starken Vorwärtsdrang.
Vorwärtsdrang verspürt offensichtlich auch die Zeit, dieses eh schon sehr sandige und fließende Etwas rennt und rennt – und scheint immer noch mehr Geschwindigkeitspotential zu haben. Ehe ich mich versehe und bevor wir das Neue um uns herum wirklich annehmen können, beginnt für mich die heiß ersehnte Zeit des Studiums.
All die Unterlagen (inklusive des Jutesacks für die Teilnehmende Beobachtung bei einem fremden Volk), die schon seit dem Herbst auf ihren Einsatz warten, kommen nun zum Einsatz:
Den Jutesack vorerst noch tief in der Tasche mit meinem sonstigen Rüstzeug verborgen, kann ich endlich kann ich das Gebäude, welches für einen Teil dessen, was hier seinen Lauf nimmt, verantwortlich zeichnet, betreten und mich als zugehörig betrachten.
Die ersten Tage verbringt man als Neuling im IG-Farbenhaus mit orientierungslosem Herumgeirre* und endlosen Paternosterfahrten, die zu erst ewig dauern, weil der einmal gefundene Mut zum Einstieg nicht reicht in der selben beherzten Manier auch wieder auszusteigen und später dann ewig dauern, weil es durchaus zum Amusement beiträgt, das Geschehen rund um die Ein- und Ausstiege dieses Fahrgeschäftes – die Dippemess ist ein Kindergeburtstag im Vergleich dazu – zu beobachten.
Die Zeit nach dem ersten Herumgeirre mündet für mich ziemlich nahtlos in einer weiteren Phase der Irritation – der Studieninhalt selbst repräsentiert hier noch das geringere Problem, viel mehr bin ich sozial überfragt von dem Geschehen um mich rum. Ich fühle mich alt – so alt. All das Laissez –faire, der süßen Nektar der nahezu konsequenzenlosen Selbsterfahrung und –Erforschung, scheint in den vergangenen Monaten seinen Reiz verloren zu haben und einem gruseligen, selbstbewussten Verantwortungsbewusstsein gewichen zu sein. Ich finde nicht nur (entgegen meiner Art) keinen richtigen Anschluss, nein, ich will ihn irgendwie auch nicht. Ich kann keinen Themenkreis mit den Leuten um mich rum finden, in dem sich beide Parteien wiederfinden und sich aufhalten wollen.
Was ich heute weiß und damals nicht wissen konnte: Zu diesem Zeitpunkt ist ein nicht wesentlicher Teil meines jungen, unbeschwerten Erwachsenenlebens bereits wieder abgereist – ohne mich über seine vorherige Ankunft wirklich zu informieren und vor allem aber ohne mich von seiner übereilten Abreise in Kenntnis zu setzen.
Zeit meines Studiums komme ich zwar den Themen näher, bleibe aber dem Drumherum, dass das Studium nicht unwesentlich ausmacht, fern wie am ersten Tag.
Das liegt auch daran, dass der netten kleinen Unternehmung der Umzug auf Schloß Schloßdorf sehr wohl bekommt. Es sprießt und sprosst, wo man nur hinschaut, was mit Sicherheit auch damit zu tun hat, dass man ernst nehmen muss, wer in einem Businesscenter im Schatten eines Schlosses residiert. Immer wieder halten wir inne – gebeutelt einerseits von der Irritation, die sich nicht legen möchte, darüber was mit uns mit geschieht, andererseits von so vielen Dingen, die getan werden müssen, von denen man aber bis eben nicht einmal wusste, dass sie überhaupt existieren.
Es ist die Arbeit und das Unternehmen, die neu sind und beginnen uns wesentlich zu formen und zu prägen. Es zeichnet sich aber auch ab, dass wir hier – nicht nur mit Arbeit und Unternehmen – in etwas hereingeraten sind, dass unter keinen Umständen einfach so an einem vorbeiziehen wird:
Konrad und Udo – jeweils mit Anhang – erscheinen uns am Anfang unseres Wirkens auf Schloß Schloßdorf wie mystifizierte Lichtgestalten unklaren Ursprungs. Jemand der ein solches Gebäude sein Eigen nennen kann, muss einfach eine bewegte Biographie haben, muss in kurzer Lebenszeit hochverdichtet gelebt haben und darüber hinaus zu irgendeinem Zeitpunkt irgendwie zu Geld gekommen sein. In stillen Momenten ist der Phantasie keine Grenze gesetzt und wir ergehen uns in immer kruderen Interpretationversuchen der vor uns ausgebreiteten Biographien, welche zu diesem Zeitpunkt lediglich von Second-Hand-Informationen, -Gerüchten und nicht nur schönmalenden Mythen gespeist werden.
Mit der Zeit kommt man sich im Rahmen des gemeinsamen Arbeitens unweigerlich näher – aber von echter Nähe bleibt man weit entfernt. Zu groß ist die Verkrampftheit, die zu großer Respekt vor etwas, was man gar nicht weiß und das die Mystifizierung auslöst.
Es sind die Unzulänglichkeiten der Lichtgestalten, die die Notwendigkeit mit sich bringen, die Verkrampfung zu lockern und über den eigenen Schatten zu springen. Es stellt sich nämlich zunehmend heraus, dass Zuverlässigkeit und – so fühlte es sich zumindest für uns an – Ernsthaftigkeit nicht immer mit den selben Maßstäben gemessen wird, wie wir sie verwenden. So kommt es, dass man mitunter sehr lang vergeblich auf in den Raum gestellte Verabredungen, Zahlungen, Besprechungen wartet.
Und gerade ein junger Geist ist lernfähig und kann im Zweifel die eigene Scham und Zurückhaltung überwinden, um etwas fürs große Ganze zu tun: Wir lernen die Telefonanlage mit der direkte Durchwahl in die privaten Gemächer derer, die hier einen merkwürdig berührenden Traum zu leben scheinen, zu bedienen und schätzen. Und wir lernen auch unsere Augen vor dem blendenden Schein des Ganzen abzuschirmen und fangen an die Konturen im Gegenlicht auszumachen.
Diese schleichende Gewöhung schwächt den Mythos zunehmend ab, bis er im Sommer 2006 final fällt. Wir erleben – eher unfreiwillig – das es auch bei diesen Menschen die pure, blanke Härte des Lebens gibt und sie auch dort genauso unerbittlich zuschlagen kann wie überall sonst auch. Da sitzt er, König Konrad, und ist sich seiner Tränen wohl bewusst. Trotzdem oder gerade deswegen ist er bereit, mit uns über die – in diesem Moment unsagbare – Banalität des Arbeitsalltags zu sprechen.
Dieser Moment überbrückt spontan Mariannengräben und verwandelt all die gefühlte Distanz in einen ersten Keim der Nähe und des Gefühls, dass es hier um mehr als nur Arbeit gehen könnte.**
Bald darauf genießen wir – zunächst noch zögerlich – die volle Freizügigkeit innerhalb des Schlosses und erhalten einen Passierschein für die privaten Gemächer.
Alles pendelt sich im Lauf der Zeit ein. Wir lernen, uns den Gigantismus Schloss zu eigen zu machen und haben alles – unser Leben, unser Unternehmen und auch die Zukunft – sicher ins nächste Level überführt.
Trotzdem bedarf alles ständiger Modifikation und je schwere die Last wird, nicht mehr nur alles zum Spaß zu machen, sondern dem Ernst des Lebens Tür und Tor zu öffnen, desto existenzieller werden die Fragen nach Umsatz, Gewinn und Perspektive.
Diese teils sehr laute und aufreibende Auseinandersetzung zündet über kurz oder lang die nächste Stufe unseres Handelns:
Es erwacht so etwas wie ein Unternehmergeist…
* es drängt sich einem die Frage auf, ob es, in der bekannten politischen Phase, in der dieses Gebäude entstand, zum Konzept gehörte, durch in jeder Hinsicht überdimensionierte Gebäudestrukturen das banale Fußvolk so zu verwirren, dass dieses sich in ebenso jeder Hinsicht gar dringend nach einem Führer sehnt und ob heute unter diesen Aspekten, bei zunehmender Weiterentwicklung und Erschwinglichkeit von Navigationssystemen die Gefahr von führerlastiger Politik als gedämpft betrachtet werden kann.
** Hier beginnt sich die Geschichte der Protagonisten zunehmend aufzuspalten. Sind bis zum heutigen Tage zwar alle Protagonisten der ersten Stunde noch immer glücklich vereint, ist das was im Folgenden geschieht zu forderst meine und dann Schäfchen As Geschichte. Schäfchen M geht in dieser Zeit mit uns nur den geschäftlichen Weg – privat lebt es da strikt getrennt, wo Schäfchen A und ich schon bald nicht mehr trennen können. Trotzdem kann man es von zwei Seiten betrachten, so dass hier ein zweiter Erzählstrang Sinn macht: The Castle